Archiv Fund des Monats

Mit unseren Funden des Monats möchten wir einen Einblick in die laufenden Arbeiten und Forschungen des Projektes geben. Es werden Funde in ihrem Kontext beleuchtet, die vielleicht nie in dem großen Zusammenhang einer Ausstellung oder Publikation erscheinen werden, obwohl jeder für sich Einzelaspekte des früheren Lebens beleuchtet. So können sie temporär aus den Kisten und Ordnern der Depots und Archive vorgestellt werden.

„Schwein gehabt“

Oktober 2022

Dieses bunt glasierte Sparschwein aus dem 19./20. Jahrhundert wurde 2002/2003 am St.-Jakobs-Platz ausgegraben. Das älteste bekannte Sparschwein stammt aus Billeben in Thüringen und datiert in das 13. Jahrhundert. Das Schwein war in der Gesellschaft des Mittelalters und der Neuzeit seit jeher ein Symbol für Fruchtbarkeit, Wohlstand und Genügsamkeit. Wer ein Schwein besaß, konnte sich also glücklich schätzen. Ein Umstand, der sich noch heute in dem verbreiteten Ausspruch „Schwein gehabt!“ wiederfindet. Nichts lag also näher, als seine Ersparnisse in einem derart geformten Gefäß aufzubewahren. Ähnlich einem echten Schwein konnte das Sparschwein erst „geschlachtet“, also zerbrochen werden, wenn man es genug gefüttert hatte.

Eine beträchtliche Anzahl zwiebelförmiger Spardosen des 14. bis 16. Jahrhunderts stammt von den Ausgrabungen am Marienhof. In stadtarchäologischem Umfeld treten Spardosen erstmals im 13. Jahrhundert auf, große Verbreitung fanden sie jedoch erst im 15./16. Jahrhundert. Münzen wurden bereits zuvor schon in keramischen Alltagsgefäßen, so genannten „Münzschatzgefäßen“ verwahrt. (Melanie Marx)

O´zapft is!

September 2022

Bei den Ausgrabungen am Marienhof wurde das bronzene Drehküken eines Konuszapfhahns geborgen. Es ist 4,8 cm hoch und weist einen Durchlassdurchmesser von 0,5 cm auf. Ungewöhnlich ist die Form des Griffs, mit dem die Absperrvorrichtung bewegt werden konnte, denn es ist nicht wie sonst üblich ein Hahn oder ein Ring dargestellt, sondern ein stehender Hund.

Das Objekt wurde zusammen mit Funden des frühen 16. Jahrhunderts geborgen. Betrachtet man die Größe des Fundstücks, das im Vergleich zu Zapfvorrichtungen im Festzelt winzig ist, wird klar, dass hiermit kein Bierstrom unterbrochen wurde. Vielmehr gehörte es eher zu einem tragbaren Gießfass, aus dem Wasser, Wein oder Schnaps ausgeschenkt werden konnte. Ob die Hundeform des Griffs dazu ermahnen sollte, den Konsum alkoholischer Getränke zu mäßigen, um nicht auf den Hund zu kommen, bleibt fraglich. Das Fundstück zeigt jedoch, dass in München nicht zu allen Zeiten vornehmlich Bier ausgeschenkt wurde. (Eleonore Wintergerst)

Ein Handwerker für´s Gebet

August 2022

Bevor der Rosenkranz im 15. Jahrhundert üblich wurde, benutzten die Menschen so genannte Paternosterschnüre. Deren Name leitet sich vom bekanntesten christlichen Gebet, dem Vater unser (lat.: pater noster) ab. Die Schnüre bestanden aus schuppenförmig übereinander genähten, flachen Knochenscheiben oder -ringen, die als Zählhilfe dienten und umgeklappt werden konnten.

Eine große Menge an Produktionsabfällen dieser Gebetsschnüre stammt vom St.-Jakobs-Platz. Die Ringe und Scheiben wurden vom so genannten „Paternosterer“ oder „Ringler“ vor allem aus Langknochen hergestellt. Dabei wurden die Knochen beidseitig bis zur Hälfte angebohrt, während die längere Spitze in der Mitte des Bohrers das Werkstück ganz durchbohrte und als Zentrierhilfe fungierte. Übrig blieben zahlreiche ausgebohrte Knochenplatten, Halbfabrikate und abgetrennte Gelenkenden. Die meist nicht namentlich bekannten Handwerker lassen sich vom 13. bis ins frühe 16. Jahrhundert in München nachweisen. (Melanie Marx, Eleonore Wintergerst)

Zeitdokument mit Rosenduft

Juli 2022

Aus einer Kellerverfüllung am Marienhof stammt der nur 3,7 cm hohe Salbentopf aus weißem Porzellan. Er trägt die Schutzmarke mit Nonne der Fabrik chemisch-pharmazeutischer Präparate A. Thierry & Co Strassburg i/Els. und enthielt Centifolien-Salbe.

Die im Spruchband über der Nonne genannte Rosa centifolia (= hundertblättrig) wurde gegen Ende des 16. Jahrhunderts in Holland gezüchtet und erfreute sich bald großer Beliebtheit in der flämischen und niederländischen Malerei. Da die gefüllten Rosen stark duften, dienen sie auch heute noch der Herstellung von Rosenduft. Dieser war offensichtlich auch Bestandteil der Zugsalbe.

Zeitgeschichtlich ist der Markenaufdruck insofern interessant, als Straßburg erst nach dem deutsch-französischen Krieg 1871 zum deutschen Reich hinzu kam und nach dem ersten Weltkrieg 1919 wieder Frankreich zugesprochen wurde. Demnach kann der Salbentopf mit seiner deutschen Marke nur in diesem Zeitfenster entstanden sein. Die verschnörkelte Schrift der Marke ist dabei mehr dem Historismus als dem Jugendstil nahe stehend und deutet auf eine Entstehung im späten 19. Jahrhundert.

Der Originalfund wird derzeit mit weiteren Gefäßen in einer kleinen Ausstellung im Schaufenster der Kranichapotheke im Marienplatz-Untergeschoss gezeigt. (Eleonore Wintergerst)

Lange geschätzt und dann verloren

Juni 2022

Nur wenige Funde vom Marienhof weisen auf den Glauben der Menschen. Zu diesen zählt eine nur 4,2 cm hohe Figur aus Knochen. Die geschnitzte Madonna mit Zackenkrone hält in der rechten Hand ein Zepter, während sie im linken Arm das Jesuskind trägt. Dieses ist wie ein Fatschenkind ganz eng mit Bändern eingewickelt. Hinter dem Kopf erscheint ein Heiligenschein, der gleichzeitig als Trageöse diente. Die Rückseite der Figur ist flach belassen.

Hergestellt wurde die Maria vermutlich von einem der um 1500 in München noch häufig nachweisbaren Knochenschnitzer. Diese fertigten ansonsten in großer Zahl Ringe und Perlen für Gebetsschnüre – die Vorläufer des Rosenkranzes – aber auch Knöpfe und Spielwürfel.

Gefunden wurde der Anhänger in einer Brunnenverfüllung der Zeit um 1900. Dies deutet an, dass die kleine Mutter Gottes lange Zeit geschätzt wurde und erst rund 400 Jahre nach Ihrer Entstehung mit anderem Abfall in den Boden gelangte.(Eleonore Wintergerst)

Die Kunst der „destillatio“

Mai 2022

Fragmente eines seltsam anmutenden Glasobjekts mit langer Tülle fanden sich bei den Ausgrabungen am Marienhof in einem Schacht des 16./17. Jahrhunderts. Der so genannte Alembik (Destillierhelm, lat.: alembicus) ist ein Gefäß zur Extraktion von Stoffen durch Erhitzen und anschließendes Abkühlen. Der Alembik wird auf den Destillierkolben, in dem die Flüssigkeit erhitzt wird, aufgesteckt. Die aufsteigenden Dämpfe kondensieren an der Innenseite des kühleren Helms. Die so gewonnene Flüssigkeit wird in der Rinne am unteren Rand des Destillierhelms gesammelt und über die lange, seitliche Tülle in ein Auffanggefäß abgeleitet.

Die als Destillation bezeichnete Technik war eines der grundlegenden Verfahren der mittelalterlichen Alchemie, wurde aber auch beim Brennen von Spirituosen  und zur Herstellung von Heilmitteln und Kräuteressenzen angewandt. Passenderweise steht das Thema „Gesundheit“ auch bei unseren neuen Pop-up-Ausstellungen im Fokus (ab 18. Mai 2022). Drei Apotheken stellen dafür freundlicherweise ihre Schaufenster zur Verfügung – die Kranich-Apotheke (Untergeschoss Marienlatz), die Rathaus-Apotheke und die Apotheke im Tal – wir zeigen dort Fundstücke wie Salbentöpfe und Flaschen für Öle und  Tinkturen, Destillierhauben und Kosmetikbehältnisse. (Melanie Marx)

"Du nimmst hinweg die Sünde der Welt, gib uns deinen Frieden..."

April 2022

Unter der Vielzahl von Funden aus der Stadtgrabenverfüllung wurde am Marienhof auch eine nur 5,6 cm große geschnitzte Knochenfigur geborgen. Es handelt sich um Christus am Kreuz. Die fehlenden Arme waren seitlich eingesteckt gewesen. Die Darstellung eines ausgezehrten Körpers mit übereinanderliegenden Füssen sowie das geneigte Haupt mit Dornenkrone sprechen für eine Entstehung im späten Mittelalter.

Angesichts der angesetzten Arme und der flachen Rückseite handelte es sich wohl nicht um einen Kreuzanhänger sondern eher um einen Beschlag, der seinen Besitzer ständig an das Opfer Christi für die Menscheint und die österliche Botschaft von Tod und Auferstehung erinnern konnte.

Das Fundstück wird demnächst in einer kleinen Ausstellung im Dom Zu Unserer Lieben Frau zu sehen sein. (Eleonore Wintergerst)

Fastenzeit – „In adventu domini“

März 2022

Mit dem Fasten bereiteten sich die Menschen im Mittelalter auf die Osterfeierlichkeiten vor. Gehungert wurde dabei nicht unbedingt, denn die tägliche, harte Arbeit sollte trotzdem erledigt werden können. Es durfte lediglich kein Fleisch und keine Produkte vierfüßiger und warmblütiger Tiere verzehrt werden. Erlaubt war dagegen der Verzehr von Fisch, der zumindest an den Tafeln besser gestellter Personen seinen Platz hatte. Allerdings nahm man es mit den Regeln nicht immer genau: Auf den Tischen landete teilweise auch Geflügel und auch der Biber galt als Delikatesse. Er wurde von der Kirche aufgrund seines abgeflachten Schwanzes zum Fisch erklärt.

Aus Schacht 5 vom Marienhof konnte ein Fischkasten zur Lebendhälterung von Fischen geborgen werden. Er wurde dendrochronologisch ins ausgehende 13. Jahrhundert datiert und spätestens 1449 im Schacht entsorgt. Das zwei Meter lange, einbaumartig ausgehöhlte Objekt aus Erlenholz weist am gesamten Korpus Bohrungen auf, die für einen stetigen Austausch des Wassers sorgten. Der Deckel aus Tannenholz hielt die Fische sicher im Kasten. So konnte der Fang bis zum Verkauf frisch gehalten werden.

Der Fischkasten wird zusammen mit dem rekonstruierten Schacht als Teil unserer neuen Dauerausstellung im Lichthof präsentiert werden. (Melanie Marx)

Klein und alt, aber woher?

Februar 2022

Der älteste bisher am Marienhof geborgene Fund ist eine stempelverzierte Scherbe. Obwohl sie so klein ist, kann aufgrund der Machart und Verzierung die ehemalige Gefäßform benannt werden. Es handelte sich um das Schulterfragment eines sogenannten Knickwandtopfs, der charakterisiert ist durch den scharfen Gefäßumbruch, den Knick zwischen Gefäßschulter und –unterteil. Mit einem Wulst war hier der Hals markiert. Derartige Töpfe sind typisch für das frühe Mittelalter und vor allem aus Gräbern des 7. Jahrhunderts belegt.

Auch wenn die Scherbe aus der Stadtgrabenverfüllung stammt, ist nicht davon auszugehen, dass sie eingeschwemmt wurde, da bei Transport durch Wasser die Bruchkanten rund geschliffen wären. So muss momentan noch offen bleiben, woher dieser für München bemerkenswert alte Fund ursprünglich stammt. In München sind eine ganze Reihe frühmittelalterlicher Grabfunde – wie beispielsweise aus Giesing, Pasing, Aubing oder Sendling – sowie ähnlich frühe Siedlungen in Englschalking und Moosach bekannt. Jede der genannten oder eine noch unbekannte Fundstelle käme als Herkunftsort in Betracht. (Eleonore Wintergerst)

Eine Herzogin bei den Püttrichschwestern

Januar 2022

Nach dem Tod ihres Gemahls Herzog Albrecht IV. im Jahr 1508 begab sich Herzogin Kunigunde (1465–1520) auf dem Rückweg vom Totengedenken am 30. Tag direkt ins Püttrichkloster. Ihre Bediensteten fuhren währenddessen nichtsahnend zum Hof. Dort hatte sie acht Kinder zurück gelassen. Kunigunde führte im Kloster ein einfaches und vorbildliches geistliches Leben, behielt jedoch ihre weltliche Kleidung.

Kunigunde war die Schwester des habsburgischen Kaisers Maximilian I. und trug maßgeblich zum finanziellen Wohlergehen des Püttrichklosters bei. Auch Maximilian I. brachte dem Kloster bei seinem Besuch im Jahr 1510 reiche Geschenke und stiftete 1513 auf ewig Weinlieferungen vom Pfaffenberg bei Krems.

Kunigunde war dem Püttrichkloster schon lange eng verbunden und bedauerte, dass sie wegen ihrer Ehe nicht eintreten konnte. Deswegen hatte sie schon zu Lebzeiten ihres Gemahls darum gebeten, in der Fürstengruft der Frauenkirche im Ordenshabit bestattet zu werden. Als sie im Kloster starb, soll ein Stern über dem Dach erschienen sein. (Elke Bujok)

Adventszeit – und alles strahlt im Lichterglanz?

Dezember 2021

Heute ist der Griff zum Lichtschalter selbstverständlich. Doch war dies nicht immer so.

Aus einem aufgegebenen Brunnen am Marienhof wurden zylindrische Tonschälchen mit 3,8 bis 8,0 cm Durchmesser bei einer Höhe  bis zu 5,0 cm geborgen. Sie besitzen am Rand eine Durchlochung zur Befestigung an der Wand und haben in der Mitte eine kleine zylindrische Erhebung mit Einschnitt. Es handelt sich um Lampen, in denen Öl, Tran oder Talg verbrannt wurde. Den Docht konnte man in der Mitte an dem Einschnitt der Erhebung festklemmen. Keines der Stücke zeigt Rußspuren, die beim Gebrauch zwangsläufig entstehen. Es handelt sich also um Neuware, die in der Nähe verkauft wurde. Die Funde der Brunnenverfüllung datieren ins späte 19. oder frühe 20. Jahrhundert.

Die kleinen Lampen erinnern daran, dass erst ab Ende des 19. Jahrhunderts mit der Erfindung der Glühbirne das elektrische Licht allmählich in Haushalten Einzug hielt. Vor rund 120 Jahren waren derart altertümlich anmutende Lichtquellen durchaus noch in Gebrauch und die dunkle Jahreszeit deutlich dunkler. (Eleonore Wintergerst)

Luxusseife aus Paris in München

November 2021

Herstellermarken erzählen Geschichten. Die vorliegende Glasflasche vom Marienhof trägt eine runde Markenprägung mit  einer Biene und der Umschrift „MARQUE DE FABRIQUE VIOLET" sowie „PARFUMERIE DE LA REINE DES ABEILLES PARIS".

Dieser Markenname wurde 1858 im Pariser Handelsregister eingetragen, nachdem Violet Hoflieferant von Kaiserin Eugenie, der letzten französischen Monarchin, wurde. Auf die Kaiserin geht auch die Bienenkönigin (reine des abeilles) in der Marke zurück, denn diese war von Napoleon I. zum Wappentier der französischen Kaiser erwählt worden. Mit dem Einstieg der Firma in den Aktienmarkt 1885 begann der internationale Erfolg der Marke Violet.

Doch was befand sich einst in der 9,5 cm hohen Flasche, die mit 4,0 cm Randdurchmesser eine für Parfüm zu große Mündung besitzt? Der Warenkatalog von 1865 zeigt, dass diese Flaschenform für Seifenpulver vorgesehen war. Der Erfolg von Violet geht ursprünglich auch auf Seife zurück und zwar vor allem auf die bereits 1828 patentierte „savon à la thridace“, eine Seife, deren Besonderheit ein Extrakt aus grünem Salat ist.

Das Fundstück gelangte Anfang des 20. Jahrhunderts in den Boden und belegt die Verwendung  dieses Pariser Luxusprodukts in München nach 1900.

(Eleonore Wintergerst mit freundlicher Unterstützung durch Paul Richardot, Maison Violet)

Nach dem Frisör? – kriminaltechnische Spurensuche im Mittelalter

Oktober 2021

Haare sind wie kein anderer Teil des menschlichen Körpers dazu geeignet, die äußere Erscheinung zu beeinflussen und können damit zum Ausdruck sozialkultureller Selbstdarstellung werden. Archäologisch sind sie in der Regel nicht mehr nachweisbar, da sie durch Lagerung im Boden zersetzt werden. Im Schacht 5 vom Marienhof haben sich jedoch unter Luftabschluss in feuchter Erde wenige rund 600 Jahre alte Haarknäuel erstaunlich gut erhalten.

Um diesen seltenen, aber kulturhistorisch interessanten Funden möglichst viele Informationen zu entlocken war fremde Hilfe nötig. Diese kam vom Sachgebiet Mikrospuren/Biologie im Bayerischen Landeskriminalamt. Dort wurde mit kriminaltechnischen Methoden festgestellt, dass es sich sowohl um Tierhaare als auch um Büschel menschlicher Kopfhaare handelt. Wie unter dem Mikroskop sichtbar wurde, waren letztere an beiden Enden abgeschnitten. Durch mittelalterliche Bildquellen kennen wir Frisuren. Die vorliegenden Funde sind nun der greifbare Beleg für einen Haarschnitt. Dieser erfolgte angesichts der Länge der abgeschnittenen Haare nur ein bis zweimal im Jahr.

Wir danken den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen des Bayerischen Landeskriminalamtes für ihre Hilfe und die angenehme Zusammenarbeit.

(Eleonore Wintergerst mit freundlicher Unterstützung von Dr. Jan-Eric Grunwald, BLKA)

Grabstein einer Ridlerschwester in einer Schwabinger Klinik

September 2021

Aufmerksam geworden durch unsere Ausstellung "Die Nonnen vom Max-Joseph-Platz", berichtete uns Frau Professorin Dr. Bernadette Eberlein von der Dermatologischen Klinik am Biederstein in München von dem Grabstein einer Ridlerschwester, der sich in ihrer Klinik befindet. Ein willkommener Fund!

Der Grabstein aus Rotmarmor ist im Eingangsbereich des Gebäudes an der Biedersteiner Straße Ecke Gohrenstraße in die Wand eingelassen. Er erinnert an die am 7. Januar 1589 verstorbene Schwester Maria Salome Zellerin. Ihr Grab hatte sich im Äußeren Kreuzgang des Franziskanerklosters befunden, wo alle Ridler- und Püttrichschwestern bis zur Errichtung ihrer eigenen Gruft im Jahr 1714 bestattet wurden. Der Münchner Franziskanerpater und Archivar Narziß Vogel fand den Grabstein 1746 neben anderen im Waschhaus des Franziskanerklosters.

Nach Auflösung des Ridlerklosters 1782 ging im Jahr darauf ein Teil des hinterlassenen Vermögens an die von Kurfürst Karl Theodor in Bayern eingeführten Malteser. Das ehemalige Gohrenschlösschen, Teil der heutigen Klinik, gehörte zwischen 1790 und 1800 dem Malteserorden. In diesem Zusammenhang wird wohl auch der Grabstein in das Gebäude am Biederstein gelangt sein. (Elke Bujok und Bernadette Eberlein)

Die Ausstellung "Die Nonnen vom Max-Joseph-Platz" ist bis 19. September in der Residenz, ab 29. September in der Burg Grünwald zu sehen.

Vom Matsch ins Museum

August 2021

Holz bleibt nur bei günstigen Bodenverhältnissen − also feucht und ohne Sauerstoff − erhalten. Ein solcher Glücksfall liegt bei Schacht 5 vom Marienhof vor. Hier hat sich nicht nur die hölzerne Brunnenkonstruktion von 1261 erhalten, in seiner Verfüllung lagen auch Gebrauchsgegenstände aus Holz.

Nach 700 Jahren im Boden ist die Konservierung sehr aufwendig, denn das Holz ist bei der Bergung weich und verformbar. Auf die Reinigung folgt die Dokumentation des Zustands und Materials. Danach wird das im Holz eingelagerte Wasser in geheizten Tränkwannen durch Polyethylenglycol verdrängt. Daraufhin werden die Einzelteile kontrolliert gefriergetrocknet, um Verformungen und Risse zu verhindern. Schließlich wird die Oberfläche mit Schutzlack überzogen.

Ein aus schmalen Fichtenholzbrettchen, sogenannten Dauben, gefertigter Eimer hat die Konservierung bereits durchlaufen. Um im Museum ein vollständiges Gefäß präsentieren zu können, müssen die Teile zusammengefügt werden. Dabei werden Fehlstellen in erkennbar neuem Material ergänzt, die Dauben zusammengeklebt und mit Carbonfasern sowie einem Synthetikfasergewebe für den Betrachter unsichtbar verstärkt. Zum Schluss können die Haltereifen, die ursprünglich die Dauben zusammenhielten, aufgebracht werden. Nun können wir gespannt sein, wie dieses Holzgefäß aus Schacht 5 in der neuen Dauerausstellung der Archäologischen Staatssammlung präsentiert werden wird. (Verena Gemsjäger-Ziegaus und Eleonore Wintergerst)

Die unerlässliche Körperpflege

Juli 2021

Es gibt Dinge im täglichen Gebrauch, deren Form sich wegen der Zweckgebundenheit im Laufe der Jahrhunderte kaum ändert. Zu diesen zählen Haarkämme. Die beiden vorliegenden Stücke haben eine Form, die seit dem Mittelalter geläufig ist. Die Kämme stammen aber aus im 17. Jahrhundert verfüllten Brunnen vom Marienhof. Sie sind sehr fein aus Knochenplatten gesägt. Mit den unterschiedlichen Zähnungen waren sie nicht nur zum Entwirren der Haare sowie zur Bartpflege geeignet, sondern auch zum Suchen und Entfernen der allgegenwärtigen Läuse und Flöhe. (Eleonore Wintergerst)

Glas „schreibt“ Geschichte

Juni 2021

Ein bemerkenswertes Glasfragment wurde bereits 1989 am Marienhof im Bereich der alten Schrammerstraße 1 ausgegraben. Seit dem späten 14. Jahrhundert befand sich hier das Schrammerbad des Baders „Ulrich der pader von dez Schrammen pade“.

Das Fragment stammt von einem sehr großen Krautstrunk, einem mit aufgeschmolzenen Glastropfen verzierten Becher aus dem späten 16. Jahrhundert. Auf der Schulter/direkt unter dem Hals befinden sich zwei Schriftzüge. Diese wurden zu verschiedenen Zeitpunkten eingeritzt, was zwei unterschiedliche Jahrzahlen belegen. Der erste Schriftzug kommt der deutschen Kursiven des 16. Jahrhunderts gleich und setzt sich wie folgt zusammen: 1 5 3 (liegend) 6 / lebt einer lanng / so nimbts mich unnd(er). Vermutlich ist die Inschrift in Anlehnung an ein altes deutsches Gedicht entstanden: Herzen ohne Lust / Drinckhen ohne Durst / Essen ohne Hunger / Lebt der lanng, so nimmts mich wunder. Die zweite Ritzung entspricht der deutschen Kursiven, wie sie am Ende des 16. bzw. am Anfang des 17. Jahrhunderts üblich war: 1562 / Gott fuegs Glickhlich / Yenvacher V.E.

Gläser mit eingeritzten Trink- und Segenssprüchen sowie Besitzernamen kommen am Marienhof immer wieder vor. Wem dieser Becher ehemals gehörte und zu welchem Anlass die Ritzungen auf dem Becher entstanden, konnte bisher aber noch nicht geklärt werden. (Melanie Marx, Tobias Pamer)

"für ewigklichen" Wein für das Püttrichkloster

Mai 2021

Mit der Weinstiftung Kaiser Maximilians I. aus dem Jahr 1513 sollten die Püttrichschwestern in ihrem "gaistlichen und ordennlichn leben gesterkht" werden. Die Stiftung betrug "jerlich drey Dreyling", das entsprach jährlich der stattlichen Menge von 5076 Litern. Der Wein kam vom Pfaffenberg bei Krems an der Donau in Niederösterreich und war "gegenwerttig und künfftig" frei von Zoll-, Maut- und anderen Gebühren.

Im Lauf der Jahre kam es immer wieder zu Qualitätsschwankungen und Lieferausfällen, wogegen sich die Püttrichschwestern entschieden zur Wehr setzten. So beschwerten sie sich 1568 bei der Gemahlin Kaiser Maximilians II. über den sauren Wein, den die Fuhrleute am liebsten gar nicht erst transportiert hätten. 1581 mahnte Herzog Wilhelm V. auf Ersuchen der Schwestern Kaiser Rudolf II. um ordnungsgemäße Lieferung. 1690 wiederum beklagten sich die Schwestern bei Kaiser Leopold I. über den schlechten "Dienst Most", aus dem sie für das Lob Gottes nur wenig Kraft schöpfen könnten.

Die Weinlieferungen erfolgten bis zur Auflösung des Püttrichklosters im Jahr 1802. Die nach Reutberg übergesiedelte Mutter Johanna Nepomucena Freysingerin kämpfte auch dann noch bei der Säkularisationskommission um Erhalt der Stiftung – nach 290 Jahren jedoch erstmals vergeblich. (Elke Bujok)

Mittelmeerimport im mittelalterlichen München

April 2021

Im Hinterhof der Parzelle Theatinerstraße 51 befand sich ein über 6 m tiefer Brunnenschacht. Dieser wurde nach Auskunft der Funde im späten Mittelalter zur Latrine umfunktioniert. Bemerkenswert ist dabei die Tatsache, dass sich durch Feuchtigkeit und Luftabschluss eine Vielzahl organischer Materialien darin erhalten haben.

Normalerweise werden auf einer Ausgrabung die Funde noch vor Ort grob gereinigt, wobei kleinste Objekte wie Samen oder Pollen verloren gehen können. Im Bestreben, durch die Ausgrabung und  anschließende Auswertung ein möglichst umfassendes Geschichtsbild zu erhalten, wurden im vorliegenden Fall jedoch Bodenproben genommen. Unter den daraus im Labor ausgewaschenen Pflanzenresten fanden sich zur großen Überraschung auch winzige Feigenkerne. Da es im 14. Jahrhundert noch keine Feigenzüchtungen gab, die in unseren Breiten überwintern können, kann es sich also nur um Import aus dem Mittelmeergebiet handeln.

Durch diese unscheinbaren, nicht mal zwei Millimeter messenden Kügelchen ist also belegt, dass einer der Latrinenbenutzer sich diesen exotischen Genuss leisten konnte. (Barbara Zach und Eleonore Wintergerst)

Die gute alte Zeit – München um 1900

März 2021

Umfangreiche Ausgrabungen auf dem Gelände der ehemaligen Osterweiterung des Winthirfriedhofes (heute Friedhof Neuhausen) in den Jahren 2014 und 2018 lieferten bei den über 200 dort Bestatteten unter anderem mehr als 45 gussmetallene Christusfiguren aus dem Oberkörperbereich. Sie dienten – ursprünglich wohl auf ein Holzkreuz aufgenagelt – als Zier der hölzernen Sargdeckel einer eher gehobenen Begräbnisklasse. 

In einem gemeinsamen Projekt von Anthropologen, Historikern und Archäologie München werden die Grabbefunde und deren Geschichte erforscht. Die Überlieferung historischer Daten zu Sterbealter und -ursache, Beruf, Krankheiten, Begräbnisklasse und Familienverhältnissen macht den Winthirfriedhof zu einer einmaligen anthropologischen Referenzserie.

Am Ende der Auswertung werden sich anhand dieser Funde, aber auch der mehr als 1.200 anderen Beigaben und Kleidungsbestandteile – in Verbindung mit den anthropologischen und historischen Ergebnissen – Aussagen über die Herkunft, den Stand oder den Beruf der Verstorbenen machen lassen. (Melanie Marx)

Strohgelb oder Granatrot − farblos macht den Unterschied!

Februar 2021

Heute ist es selbstverständlich, dass gänzlich farblose Gläser auf unseren Tischen stehen und man die Farbe des Weines ungetrübt bewundern kann. Glas, eine erstarrte Flüssigkeit, entsteht durch Schmelzen der unscheinbaren Materialien Quarzsand und Kalk mit dem Flussmittel Soda oder Asche. Im Mittelalter war es jedoch schwierig diese Rohstoffe so von Verunreinigungen freizuhalten, dass eine völlig entfärbte Glasmasse entstand. Dies macht den Nuppenbecher aus der Stadtgrabenverfüllung so besonders. Seine Farblosigkeit und die Lichtreflexe der Nuppen ließen den Inhalt in ungetrübten Farben schillern. Damit war er eine Zierde jeder feinen Tafel. In welchem Glasbläserzentrum Europas er im ausgehenden 13. oder frühen 14. Jahrhundert entstand, muss vorläufig offen bleiben. (Eleonore Wintergerst)

Sonne, Mond und Sterne − Das Keltenschwert von München-Allach (5.−4. Jh. v. Chr.)

Januar 2021

Südwestlich des Bahnhofs von Allach wurde 1891 ein keltisches Schwert ausgegraben. Das kurze Schwert ließ sich bei der Bergung aus der gut erhaltenen Eisenscheide noch herausziehen. Die Klinge ist im oberen Teil an der Vorder- und Rückseite mit Symbolen verziert. Die Vorderseite der Klinge zeigt, in Gold eingelegt und durch eine Trennlinie gekennzeichnet, den Voll- und Sichelmond in Begleitung von fünf Sternen, die Rückseite einen Wirbel in einem Kreis und einen großen Bogen, beide aus Kupfer. Die Kelten glaubten von einem Nachtgott abzustammen. Viele ihrer religiösen Symbole sind deshalb den nächtlichen Himmelserscheinungen zugeordnet. In diesem Fall werden Phänomene der Nacht (Mondphasen und Sterne, vielleicht die fünf in der Antike bekannten Planeten) und des Tages (Horizontbogen und „Sonnenrad“) auf einem Objekt vereinigt. Die Symbole auf der Schwertklinge gehören zu den frühesten Darstellungen des Geschehens am Himmel; nach dem 3. Jahrhundert v. Chr. verbreiten sie sich in vielen Varianten in allen Bereichen der keltischen Welt. (Rupert Gebhard)

Die schöne Sendlingerin

Dezember 2020

Schon 1906 wurden beim Bau eines Kanals in München-Sendling entlang der Plinganser Straße auf dem Isar-Hochufer zwischen der Einmündung der Steinerstraße und der Heißstraße über 130 Gräber beobachtet. Dies war nur ein Teil eines noch wesentlich größeren baiuvarischen Gräberfeldes aus dem 6./7. Jh. n. Chr.  In Grab 20 hatte man zu Beginn des 7. Jahrhunderts eine Frau bestattet, die ihren cape-artigen Mantel mit einer prächtigen goldenen Brosche (Dm. 3,8 cm) verschlossen hatte. Die Schauseite des Schmuckstücks ist über und über mit feinen geperlten Golddrähten in schlangenartigen Formen verziert. Leider sind die Einlagen in den großen dreieckigen Fassungen nicht erhalten geblieben. Wir dürfen sie uns aber gerne als aus prächtigen farbigen Edelsteinen bestehend, vielleicht in den Farben Weiß, Grün oder Blau, vorstellen. Die besten Vergleichsstücke zu diesem schönen Schmuckstück findet man in Mittelitalien, im Gräberfeld von Castel Trosino (Ascoli Piceno, Marche). In Bayern sind ähnliche Stücke sehr selten und deshalb wahrscheinlich als Importe anzusehen. Zu gerne wüsste man, wie dieses Goldstück im 7. Jahrhundert über die Alpen kam! Als Geschenk für eine wichtige Familie, als Beutestück eines Kriegers, oder gar zusammen mit einer „Zuagroasten“? (Brigitte Haas-Gebhard)

Kupfer oder Kupferstein?

November 2020

Während der Grabungen am Marienhof wurden zahlreiche archäometallurgische Funde geborgen, die unter anderem Schlacken, Schmelztiegel, Lehmformfragmente und Ziegel von Ofenkonstruktionen umfassten. Sie lassen sich grob in das 16./17. Jahrhundert datieren. Unter den Funden fallen mehrere grün oxidierte, ca. 1,5 cm dicke Fragmente von Scheiben auf. Analysen im Labor des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege in München ergaben, dass es sich nicht um Rohkupfer handelt, sondern um ein Zwischenprodukt der Kupferherstellung, das als Kupferstein bezeichnet wird.

Um daraus verarbeitbares Kupfer zu erzeugen, waren noch weitere Raffinationsschritte erforderlich. Allerdings konnte der Kupferstein auch zur Herstellung von Legierungen verwendet werden, die eine bestimmte Farbe haben sollten. Daneben besteht die Möglichkeit, dass das Zwischenprodukt von einer landesherrlichen Institution geprüft und danach am Marienhof einfach nur entsorgt wurde. Entsprechende Prüfeinrichtungen waren wahrscheinlich in der herzoglichen Münze vorhanden, die sich während des 17. Jahrhunderts noch nicht in der „Alten Münze“, sondern im Gebäudekomplex Münzstraße 7–8 und im Eckhaus zum Platzl befand. Dass man in diesem Umfeld Erz- und Metallanalysen durchführte, belegen zahlreiche, schon in den 1980er Jahren aus dem Pfisterbach geborgene Probierschälchen und Kupellen. (Martin Straßburger)

Gegen den Willen des Vaters: Maria Teresia Antonia von Perusa im Püttrichkloster

Oktober 2020

Für helle Aufregung sorgte eine Tochter aus adeligem Hause, als sie sich 1736 ihrem Vater widersetzte und gegen seinen Willen ins Püttrichkloster eintrat.

Maria Teresia Antonia von Perusa (1714–1757) begründete diesen unüblichen Schritt mit ihrem bereits geleisteten Versprechen, ein klösterliches Leben zu führen. Ihr Vater war ein hoher Diplomat, und sie warf ihm vor, sie an der Ausübung ihres Berufes hindern zu wollen. Um ihr Ziel zu erreichen, bat sie den Bischof um obrigkeitlichen Schutz. Dieser ebnete ihr zwar den Weg, verlangte jedoch vor Ablegung ihrer Gelübde, sich mit ihrem Vater zu versöhnen. In einem Brief musste sie Abbitte leisten. 

Die geborene Gräfin Maria Adelheid Teresia von Perusa trat mit 22 Jahren ins Kloster ein. Sie war neben ihren geistlichen Tätigkeiten für die Bibliothek zuständig. Nach ihrem frühen Tod mit 43 Jahren wurde sie in der Gruft unter der Franziskanerkirche bestattet, ihr Grab konnte bei Ausgrabungen 1982 identifiziert werden.

Das Püttrichkloster befand sich zusammen mit dem Ridler-Nonnenkloster und dem Franziskanerkonvent bis zur Säkularisation 1803 am Max-Joseph-Platz. (Elke Bujok)

Ein scheinbar unscheinbarer Lederfund

September 2020

Bei den Ausgrabungen am Marienhof wurden tausende von Lederstücken gefunden, die in mühevoller Kleinarbeit in der Archäologischen Staatssammlung ausgewertet und konserviert werden. Manchmal lassen sich die zunächst unscheinbaren und mitunter nicht besonders ansehnlichen Lederstückchen anhand ihrer Nähte und Materialbeschaffenheit Schuhen oder anderen Alltagsgegenständen wie z.B. Taschen zuordnen. Dieses kleine, ca. 5 cm lange Lederstück zeigt, wie wertvoll auch die winzigsten Reste sind. Der Randstreifen, der an einem Schuh zwischen Sohle und Oberleder eingenäht wurde, dichtete die Verbindungsnaht ab und schützte das stark belastete Oberleder vor Verschleiß. Eine weitere, unregelmäßige Naht deutet auf mehrere von außen angebrachte Teilsohlen hin. Eine derartige Konstruktion taucht ab dem 13. Jh. auf. Offen bleiben muss die spannende Frage, ob es sich um Teile eines weggeworfenen Schuhs oder um den Abfall eines Flickschusters handelt. (Larissa Neukirchner)

Ur-Jeans in München entdeckt ?

August 2020

Unter den fast 50.000 Fundstücken, die bei den Ausgrabungen 2011/2012 am Marienhof in München entdeckt wurden, befindet sich auch ein kleines, nur etwa 2x2 cm messendes,  auf den ersten Blick wenig aufsehenerregendes Stückchen Stoff. Die rötlich braune Färbung rührt, nun ja, von dem Latrineninhalt her, in dem es lagerte, doch unter dem Mikroskop machte unsere liebe Kollegin Britt Nowak-Böck vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege eine aufregende Entdeckung! Hier konnte sie nämlich sehen, dass die Fasern eine blaue Färbung tragen. Deutlich konnte sie auch erkennen, dass hier ein Köpergewebe vorliegt, eine spezielle, recht strapazierfähige Bindungsart, in der heute Stoffe für Arbeitskleidung und Jeans gefertigt werden. Ein blauer Jeansstoff also – haben wir hier etwa eine archäologische Sensation? Eine Urform der Jeans aus dem 15. Jahrhundert in München?  Leider nein, denn das Fragment ist aus Wolle hergestellt und nicht aus Baumwolle, wie „echte“ Jeans. Und aus dem kleinen Fetzchen Stoff kann man nun wirklich nicht auf ein komplettes Kleidungsstück schließen!  Die Ehre, an der Entstehung der legendären Hose  beteiligt zu sein, muss die Landeshauptstadt daher nach wie vor dem bezaubernden oberfränkischen Buttenheim überlassen, dem Geburtsort des Jeans-Erfinders Levi Strauss! (Brigitte Haas-Gebhard)

Absolvia – denkwürdiger Schulabschluss

Juli 2020

Manche Tage im Leben sind einmalig. Für viele junge Menschen ist jetzt im Juli ein solch einmaliger Tag – der letzte Schultag, an dem sie ihre Abschlusszeugnisse in den Händen halten. Normalerweise wird dies mit Festakten, Bällen und Partys im Beisein der Familie und Freunde gefeiert. Dieses Jahr aber müssen die Schulabgänger wegen des Coronavirus auf all das verzichten. Was bleibt, ist die Erinnerung.

Um ein Erinnerungsstück an die Schulzeit handelt es sich bei dem vorliegenden Porzellanfund vom Münchner Marienhof. Das Verbindungstück zwischen Pfeifenkopf und Holm einer Gesteckpfeife trägt einen Farbenschild mit den verschlungenen Buchstaben VEAv!. Dabei zeigt die Anordnung Weiß-Farbig-Weiß, dass es sich hier um den Farbenschild einer Schülerverbindung handelt. Hinter den Buchstaben verbirgt sich deren Zirkelspruch „Virtus Et Amicitia vivant!“ (Tugend/Leistung und Freundschaft leben!). Mit der Pfeife konnte der Absolvent oder die Absolventin ein Stück Schulzeit zusammen mit dem Stolz auf den Abschluss mit sich tragen.

(Eleonore Wintergerst mit freundlicher Unterstützung durch Prof. Dr. Hans Peter Hümmer, VfcG)

Römisches Raubtier im Sprung

Juni 2020

Bei diesem etwas plump anmutenden Löwen im Sprung handelt es sich um eine römische Tierfibel aus München-Freiham, wo die Spuren einer spätrömischen Siedlung des 4. Jahrhunderts n. Chr. und einer benachbarten mittelkaiserzeitlichen Siedlung ausgegraben wurden.

Die Löwenmähne ist durch drei Stempellinien aus Dreiecken angedeutet, weitere Dekorelemente sind der sog. Tremolierstich entlang der Ränder sowie gepunzte Kreisaugen, z. B. als Auge. Tierfibeln gab es schon ab der mittleren Kaiserzeit (2./3. Jh. n. Chr.) in vielen Gestalten, Tremolierstich und Kreisaugen finden sich jedoch eher bei spätantiken Stücken, die v. a. im Ostalpenraum, Oberitalien und Slowenien verbreitet waren. Die Rückseite unseres Löwen ist noch nicht restauriert. Vermutlich war hier eine bronzene Nadel mit einer Spiralachse aus Eisen befestigt, was ebenfalls auf eine spätantike Datierung hindeuten würde. Fibeln dienten nicht nur als Schmuck, sondern hatten vor allem die Funktion, Kleidung zu fixieren. (Veronika Fischer)

Frauenpower im 19. Jahrhundert – ein kleiner Stempel und viel Geschichte

Mai 2020

Häufig ist es schwierig, die genaue Herkunft von Keramik zu bestimmen. Findet sich allerdings eine Herstellermarke, tut sich eine ganze Flut von Informationen auf. Vorliegend trägt das Bodenfragment eines mehrfarbig glasierten Topfes den unscheinbaren Stempel „P.A.W.“. Er belegt, dass das Fundstück aus einer Produktionsstätte stammt, die Paul und Anna Wranitzky 1874 in Böhmen gründeten.

Ungewöhnlich ist zu dieser Zeit – lange bevor Frauen das Wahlrecht hatten –, dass der Vorname der Ehefrau im Firmennamen mit auftaucht. Anna Wranitzky zog ihre Kinder groß, arbeitete in der Firma mit, gründete einen Kindergarten für Arbeiterkinder und ließ die örtliche Schule wieder aufbauen. Als sie 1889 mit 34 Jahren, schwanger mit dem 6. Kind, plötzlich Witwe wurde, übernahm sie die Firmenleitung. Sie brachte das Unternehmen zu echter Blüte, indem sie sich auf die Herstellung von Speisegeschirr, Spielzeug und bemalte Ziergefäße spezialisierte. Mit dem Tod dieser starken Frau 1919 begann der Niedergang der Firma. (Eleonore Wintergerst)

Die Nonnen des ehemaligen Püttrichklosters am Max-Joseph-Platz

April 2020

Bis zur Säkularisation 1803 befand sich an der Stelle des heutigen Spatenhauses das Kloster der Püttrichnonnen. Der Vikar der Frauenkirche, Johann Paul Stimmelmayr, beschreibt in seinen Erinnerungen die Tracht der Nonnen. Sie trugen schwarze Kleidung, hatten "Hals und Kopf eingebunden, und ein schwarzer Schleyer mit weißen Flor über den Kopf und die Schulter".

Seit dem 13. Jahrhundert sorgten sich die Nonnen um Kranke und Sterbende. In der Stadt waren sie nicht zu sehen, da sie seit 1621 in ewiger Klausur lebten. (Elke Bujok)

Detox anno 1900

März 2020

Vom Münchner Marienhof stammen zwei zylindrische grüne Glasflaschen. Die Bodenprägung zeigt, dass sie einst Wasser aus Andreas Saxlehners Bitterquelle enthielten. Diese begann 1863 mit der Abfüllung und wurde nach dem ungarischen Helden János Hunyadi (1407–1456) benannt. Der Vater von Matthias Corvinus wird wegen seiner Verdienste für Ungarn als Staatsmann und Heerführer gegen die Türken verehrt.

Das im Raum des heutigen Budapest sprudelnde Mineralwasser war reich an Bitter- sowie Glaubersalz. Zunächst wurde es nur in Ungarn vertrieben, doch seit 1870 auch im Ausland verkauft. Wegen seiner abführenden, blutreinigenden und entschlackenden Wirkung wurde es ab der Wende des 19. zum 20. Jahrhunderts international zum Verkaufsschlager, sogar in Amerika. Die beiden Flaschen aus München zeigen aber, dass die Heilwirkung des Bitterwassers auch hierzulande geschätzt wurde. (Eleonore Wintergerst)

"Gut bestückt" – ein ungewöhnliches Glasgefäß vom Marienhof

Februar 2020

Die vor allem bei wohlhabenderen Personen beliebte "Ratstrinkstube" befand sich im Haus Marienplatz 10, einem Eckhaus zur Dienerstraße. Sie wurde 1428 von der Stadt eingerichtet, der Abriss des Gebäudes fand 1868 statt. Bei einem Inhaberwechsel Anfang des 16. Jahrhunderts kam es wohl zur Entsorgung des kompletten Gaststätteninventars. Im September 1991 wurde beim Bau eines Stuhllagers für den Ratskeller die Latrine der ehemaligen Münchner Gaststätte entdeckt.

Zu den besonderen Objekten gehört ohne Zweifel ein phallusförmiges Trinkgefäß aus grünem Glas, das ins 16. Jahrhundert datiert. Es weist zwei kugelige Hoden auf und ist am Schaft abgebrochen. Solche Scherzgläser waren vor allem in der Frühen Neuzeit aufgrund ihrer Kuriosität beliebt. Dem Münchner Penisglas haftete bestimmt ein anzüglicher und anrüchiger Charakter an, wenn es bei Tische in geselliger Runde zum Einsatz kam.

Phallusgläser sind selten und nur verstreut in Museen zu finden, darunter auch drei Exemplare im Bayerischen Nationalmuseum. Die umfangreichen Glasfunde der Ratstrinkstube werden derzeit in einer Dissertation im Rahmen des Projektes Archäologie München wissenschaftlich bearbeitet. (Melanie Marx)

Wer schwebt denn da?

Januar 2020

1982 wurden am Max-Joseph-Platz in München Grüfte ausgegraben. Sie gehörten zu der bis 1802 dort stehenden Franziskanerkirche. Die in den Grüften angetroffenen Bestattungen des späten 18. Jahrhunderts können den Nonnen des einst nahe gelegenen Pütrich- und des benachbarten Ridlerklosters zugeschrieben werden. Aus einigen dieser Gräber wurden bis zu fünf kleine Figürchen geborgen (H. 3–6 cm). Sie besitzen leicht modellierte Gesichter, Finger und Zehen, gelegentlich auch Haare, dazu als Augen winzige Hohlkügelchen, vielleicht Pflanzenkerne, die manchmal einen hellen Auftrag zeigen. Gemeinsam ist ihnen ihre Haltung: Weit ausgebreitete Arme und leicht angewinkelte Beine verleihen den Gestalten etwas Schwebendes. Unterstrichen wird dieser Eindruck durch eine pittoresk von einer Hand zur anderen schwingende Stola aus Seide, die manchmal durch eine weitere Stola aus Netzgewebe ergänzt wird. Einige dieser Figürchen saßen auf einem Schleiergewebe am Kopfkranz aus Rosmarinzweigen, andere waren im Brust- oder auch Beinbereich am Nonnengewand festgesteckt.

Die Figürchen bestehen aus einer extrem dünnen Haut unbestimmten Materials, eventuell Pappmaché, ohne Naht oder Ansatzstellen, und sind vollständig hohl. Ihre Herstellung und Deutung geben Rätsel auf. Nonnen galten mit ihrem Klostereintritt als Bräute Christi. Da die kleinen Figürchen an Darstellungen des Auferstandenen erinnern, liegt es nahe, in ihnen verspielte Abbilder des "himmlischen Bräutigams" zu sehen, von dem die Frauen nach ihrem Tod hofften, aufgenommen zu werden. (Tilman Mittelstraß)

Schreibzubehör des 16. Jahrhunderts

Dezember 2019

Latrinen sind wahre Fundgruben für Archäologen, denn früher entsorgte man gerne auch seinen Hausmüll in großen, brunnenartig wirkenden Schachtanlagen im Hinterhof. Das zeigte sich auch in der Münchner Weinstraße 7, wo anlässlich eines Neubaus baubegleitend drei Schächte unterschiedlicher Funktion archäologisch untersucht werden konnten. In einem hatte offenbar auch eine Weinschänke, die vom 14. bis zum 19. Jahrhundert dort nachweisbar ist, ihren Müll entsorgt. Neben zahlreichem Speise- und Trinkgeschirr fanden sich in einer Schicht aus der 1. Hälfte des 16. Jahrhunderts aber auch Wachssiegel von Briefen oder Urkunden, ein gläserner Siegelstempel und sogar Fragmente von beschriebenem Papier.

Nur auf den ersten Blick unscheinbar ist in diesem Material ein 12 cm langer Vogelknochen. Sein zugespitztes Ende verrät aber, dass er einmal als Schreibfeder genutzt wurde. Wer damit wohl geschrieben hat? Vielleicht einer der für diese Zeit in der Weinstraße 7 wohnhaften Ratsmitglieder Münchens – Ulrich Rot oder Adam Hellmaister? Oder gar der damals dort ebenfalls ansässige herzogliche Kammersekretär Mathes Österreicher? (Barbara Wührer, Firma ReVe)

Nach der Restaurierung – eine Tüllenkanne und viele Fragen

November 2019

Unter den Funden aus einem neuzeitlich verfüllten Brunnenschacht vom Marienhof war auch eine Vielzahl von offensichtlich anpassenden Scherben eines Gefäßes mit Tüllenausguss. Derartige Ausgüsse gehören für gewöhnlich zu Schankgefäßen. Nach Abschluss der Restaurierungsarbeiten zeigte sich aber, dass Henkel und Tülle nicht wie erwartet axial zueinander stehen, sondern in einem 90°-Winkel.

Angesichts der Größe und des Fassungsvermögens von rund 7 Litern ist bei dieser Henkelposition nicht mehr an ein Hochheben und Ausgießen mit der Kanne zu denken. Warum also wurde eine derartige Henkelanordnung gewählt? Sollte der Inhalt der Kanne vielleicht gar nicht vollständig ausgegossen werden? Diente sie mit ihrer schlanken, hohen Form dazu, dass sich der flüssige Inhalt trennen konnte? Wurde darin Öliges von Wässrigem getrennt? Oder sollten Schwebstoffe nach unten sinken, damit eine klare Flüssigkeit entnommen werden konnte? War der Henkel also nur dazu da, ein Kippen des Gefäßes zu steuern? (Eleonore Wintergerst)

Aktuell ist das Fundstück noch in der Sonderausstellung im Münchner Stadtmuseum zu sehen.

 

 

Ein besonderer Knochenfund vom Marienhof

Oktober 2019

Bei den Ausgrabungen am Marienhof wurden eine ganze Reihe von verfüllten Brunnen- und Abfallschächten entdeckt. Aus einem davon stammt der Schädel mit dazugehörigem Unterkiefer eines weitgehend vollständigen Skelettes einer erwachsenen Kuh. Die kleinen Hornzapfen belegen, dass die Kuh, die gegen Ende des 13. Jahrhunderts lebte, kurze Hörner besaß und möglicherweise zu einem einheimischen Schlag gehörte, der aus der direkten Umgebung der Stadt München stammte. (Ptolemaios Paxinos)